Am Nachmittag des 11. August kam eine Instagram-Nachricht. Freundlich, kurz, mit dem Ton einer Anfrage, die man schon hundertmal verschickt hat:

„kurze Frage: Wir produzieren am Donnerstag, 13. August in Berlin ein YouTube-Video mit großer Reichweite. Es geht um einen offenen Austausch auf Augenhöhe im Format ‚Autorität vs Menschengruppe', bei dem Teilnehmer einem der größten Creator und Unternehmer im deutschsprachigen Raum gegenübersitzen und mit ihm kontroverse Thesen diskutieren. […] Die Nachfrage ist aktuell hoch, dein Profil ist uns aber besonders aufgefallen und wir würden dich gerne dabei haben.LG, Ferdi — PLACEMedia"

Drei Stunden vor Ort, 50 Euro die Stunde, Start um 14 Uhr. Der Dreh war in zwei Tagen. Wer das Gegenüber sein sollte, stand nicht dabei.

Wir haben abgesagt. Was wir in den zwei Tagen dazwischen erfahren haben, und was uns in der Woche danach zugetragen wurde, ist der Grund für diesen Text.

Dieselbe Nachricht, an alle

Der Satz mit dem Profil, das besonders aufgefallen sei, ging nicht nur an uns. Wortgleich erreichte er ein Instagram-Konto, das linke Sticker sammelt. Ein anderer Angeschriebener, dessen Account ein paar hundert Menschen folgen, schrieb uns: „Ich mit meinem mickrigen Account wurde auch angefragt!" Ein queerer Memes-Account hielt die Anfrage schlicht für Spam und löschte sie.

Zwei Monate vorher, am 12. Juni, lief dasselbe Verfahren unter anderem Namen. Eine Anfrage für ein YouTube-Format namens „Imposter Games", Konzept: „5 Linke vs. 1 geheimer Kapitalist", mit einem Link auf ein amerikanisches Vorbild als Referenz. 50 Euro pro Stunde. Drehtermin: der Folgetag. Die Angeschriebene fragte zurück, ob ein Dreh einen Tag später ernst gemeint sei, und sagte dann ab: „finds wirklich n bisschen sketchy."

Diese Juni-Anfrage kam von einem anderen, privat wirkenden Account. Ein Beleg, dass beide Wellen dieselbe Produktion waren, liegt uns nicht vor. Was vorliegt, ist ein Muster: Kaltakquise per DM, Dreh am nächsten oder übernächsten Tag, ein persönlich klingendes Kompliment, ein fremdes Format als Konzeptbeleg, 50 Euro die Stunde, und in keinem Fall der Name der Person, der man gegenübersitzen soll.

Christian Wolf hat das später selbst beschrieben. In einem TikTok-Video sagt er:

„Es stimmt tatsächlich, in der letzten Woche wurden auch random Leute auf Instagram angeschrieben […] Und das tatsächlich auch aus purer Verzweiflung. […] Und irgendwann hat die Produktionsfirma dann angefangen zu sagen, wir schreiben jetzt aber irgendwelche Leute an, in der Hoffnung, dass wir jemanden erwischen, der auch quasi was gegen Christian hat oder irgendwas kritisieren möchte, um dann quasi zu diesem Format zu kommen."

„Ohne einen Vertrag darf ich keine Namen rausgeben"

Wir haben gefragt, wer die anderen Gäste sind. Namen könne man nicht nennen, hieß es, Datenschutz. Zwei Instagram-Accounts anderer Teilnehmender bekamen wir trotzdem. Im selben Verlauf verlangte die Produktion die Klarnamen aller Personen, die wir mitbringen würden — bevor überhaupt das Fact Sheet kommen sollte, damit man sie „registrieren" könne. Ein Datenschutzhinweis lag nicht bei.

Wir haben das abgelehnt und um den Vertrag gebeten. Der kam dann, als Google-Docs-Link, über Instagram.

Auf die Sorge, das Material werde am Ende so geschnitten, dass die Diskussion nicht mehr auf Augenhöhe wirkt, kam zuerst ein Satz ohne jede Erläuterung: „format findet in anderer Form statt".

Dann, konkreter:

„Die Diskussion wird ungeschnitten veröffentlicht - bis auf Kamera Einstellungen"„Wir bieten auch an das ihr selbst mitfilmt zur Gewährleistung"„Wäre kein Problem"

Am nächsten Tag kam das Fact Sheet. Erst dort stand das Thema: „Kapitalismus vs. Sozialismus". Dort stand auch: „Bitte keine eigenen Foto-/Videoaufnahmen am Set", „Handys sind während der Aufnahmen stummgeschaltet und bleiben abseits des Sets". Und: Unterzeichnung vor Ort, 14:00 bis 14:45, gültiger Lichtbildausweis erforderlich, „Ohne unterschriebene Vereinbarung ist keine Teilnahme am Dreh möglich".

Der Vertrag

29 Paragrafen, Verweise auf DSGVO, DSM-Richtlinie, Rom I, Brüssel Ia. Ordentlich gemacht. In der Sprachnachricht war er als etwas beschrieben worden, das den Teilnehmenden bei ihren Bildrechten helfe.

Vertragspartnerin ist nicht die Agentur, die anfragt. Es ist die CCC Media Group, LLC, 1908 Thomes Avenue, Cheyenne, Wyoming, vertreten durch ihren CEO Ferdinand Platz. Die Adresse ist eine der bekannten Sammeladressen für Firmengründungen in Wyoming, kein Büro. Gewählt ist österreichisches Recht, Gerichtsstand Wien. Persönliche Ansprüche gegen Ferdinand Platz schließt die Präambel ausdrücklich aus.

Als datenschutzrechtlich Verantwortliche ist dieselbe US-Gesellschaft benannt. Weil sie außerhalb der EU sitzt, verlangt Artikel 27 DSGVO die Benennung eines Vertreters in der Union. Der Vertrag sieht dafür eine Zeile vor. Sie ist leer. Ein Datenschutzbeauftragter ist ausdrücklich nicht benannt. Wohlgemerkt: Während per Direktnachricht Klarnamen von Leuten eingesammelt werden, die noch nichts unterschrieben haben.

Leer sind auch: der Arbeitstitel der Produktion. Die Zeile, in der Auftraggeber und weitere Beteiligte offengelegt werden sollen. Drehtermin und Drehort, Das Honorarfeld und § 28.

Das klingt nach einer Formalie, ist aber der Kern der Sache. § 25 Absatz 3 bestimmt, dass mündliche Nebenabreden nicht bestehen ausgenommen Absprachen aus Vorgesprächen, und die gelten nur, „soweit sie in § 28 dieses Vertrages ausdrücklich festgehalten sind". § 29 Absatz 1 wiederholt es: Der Vertrag enthält, einschließlich § 28, die vollständige Vereinbarung.

§ 28 war leer. Zu unterschreiben zwischen 14:00 und 14:45, im Empfangsbereich.

Was im Chat versprochen worden war, stand also nirgends. Schlimmer: Zwei der Zusagen widersprechen dem Vertragstext direkt.

Die ungeschnittene Veröffentlichung? § 2 Absatz 3 gibt der Produktion Auswahl, Schnitt, Länge, Platzierung und Reihenfolge ins freie Ermessen. § 22 Absatz 3 stellt klar, dass Schnitt- und Längenentscheidungen keinen Korrektur- oder Unterlassungsanspruch begründen.

Das eigene Mitfilmen zur Absicherung? § 5 Absatz 3 verbietet eigene Aufnahmen ohne Zustimmung. Das Fact Sheet ebenfalls.

Das Honorar von 50 Euro? Kein Widerspruch - nur eine Leerstelle. Das Feld war nicht ausgefüllt.

Wir haben neun Ergänzungen für § 28 vorgeschlagen. Die Antwort kam als Sprachnachricht und lief sinngemäß darauf hinaus: Vertragsänderungen müssten anwaltlich gemacht werden und seien mühsam. Alles, was man neu aufsetze, gehe dagegen schnell. Eine Freigabe von Ausschnitten, Titel, Vorschaubild oder Videobeschreibung sei nicht machbar, man arbeite mit einem großen Team, da griffen viele Zahnräder ineinander.

Interessant war der Teil zur ungeschnittenen Veröffentlichung. Zugesagt wurde sie weiterhin, bis auf Vor- und Abspann. Aber: Man könne nicht darauf verzichten, Passagen, Einblendungen und Kommentare an die thematisch passenden Stellen zu setzen. Mit jedem Teilnehmer würden nach dem Dreh Kommentare formuliert und anschließend an die passende Stelle im Video gesetzt. Das Format lebe davon.

Anders gesagt: „Ungeschnitten" hieß, dass nichts herausgenommen wird. Über das, was hineinkommt, sagte es nichts.

Der 13. August

Eine Gruppe, die wir nicht kennen, hatte zugesagt. Sechs Personen, angereist nach eigener Angabe für rund 600 Euro Zugtickets. Was dann passierte, wissen wir aus ihrer Meldung an uns.

Um 14:18 die Nachricht: „Moin wo seid ihr?" - die Gruppe war da. Zwei Anrufe um 14:31 und 14:38, nicht erreicht. Dann: „Hi - wir brauchen eine Rückmeldung. Sonst starten wir den Dreh ohne euch." Und kurz darauf, ohne Erklärung:

„format findet in anderer Form statt"

Wortgleich mit dem Satz, den wir am Vortag als Antwort auf unsere inhaltliche Sorge bekommen hatten.

Christian Wolf schildert den Tag anders. In einem Video am Folgetag sagt er, die Leute seien „gestern nicht erschienen", das hätten sie „ja extra quasi so gemacht". Er habe im Vorfeld auf Bitten der Produktionsfirma organisiert, dass der Dreh geschützt ist:

„Also habe ich zum Beispiel Tamerlan Dulatov gefragt. Das ist einer der Brüder von Islam Dulatov. […] mega hilfreich, wenn du da vorbeischauen könntest, dass einfach ein bisschen aufpassen, dass da nichts passiert."

Belltower.News hat 2022 über die Brüder Dulatov berichtet: antisemitische Bildsprache, ein Göring-Zitat, QAnon-Bezüge, Agitation gegen die Ehe für alle. Eine Produktion, die Menschen aus antifaschistischen Zusammenhängen einlädt, holt für den Schutz des Sets ausgerechnet diese Person. Ob das jemandem aufgefallen ist, wissen wir nicht.

Beide Darstellungen des Drehtags passen nicht zusammen. Möglich, dass Wolf von den Absagen sprach und die angereiste Gruppe organisatorisch gar nicht bei ihm ankam. Wir geben beide Versionen wieder, weil wir es nicht entscheiden können.

Am Abend des 13. August erschien ein Video mit dem Titel „OFFIZIELLE ANSAGE AN DIE ANTIFA & OMAS GEGEN RECHTS", großformatig eingeblendet das Wort „GEWALT".

Das Briefing

In den Tagen danach meldeten sich Leute. Betroffene, die dieselbe DM bekommen hatten. Eine Teilnehmerin eines früheren Drehs, bei dem es nach ihrer Schilderung fast zum Rechtsstreit kam. Und jemand, der auf der anderen Seite gearbeitet hat:

„Ich war Teil des Teams, das für die YouTube Clips rund um Diskussionen mit linken Personen verantwortlich war. Von uns wurde erwartet, die Videos so zu schneiden, dass die Gegenseite möglichst schlecht dasteht. Dazu gehörte z. B. Empörungen oder Ausraster an Stellen einzubauen, an denen sie ursprünglich gar nicht passiert sind, um einen bestimmten Eindruck zu erzeugen. Generell wurde starkes Framing eingefordert. Wer sich nicht daran hielt, musste damit rechnen, nicht bezahlt zu werden."

Das ist eine Aussage. Aussagen kann man bestreiten.

Dazu kam allerdings ein Video. Sechs Minuten und 49 Sekunden Bildschirmaufnahme, entstanden am 30. Juli - zwei Wochen vor der Anwerbewelle für den 13. August. Ein Miro-Board ist zu sehen, daneben Instagram-Tabs. Bei Minute 6:19 kommt die Menüleiste ins Bild, „Do. 30. Juli 19:20". Der 30. Juli 2026 war ein Donnerstag.

Zu hören ist ein Mann, der Cuttern erklärt, wie sie arbeiten sollen. Er stellt sich mit Namen vor und beginnt so:

„Wir haben das Format Christian Wolf vs. Linke Aktivisten gemacht und auch das Format […] Millionär debattiert gegen Linke Aktivisten. […] Hier haben wir es ein bisschen abgewandelt und zwar ein kapitalistischer Vermieter gegen linke Mieter diskutieren lassen. Genau hierfür brauchen wir Clips."

Auf dem Miro-Board steht der Bauplan. Reaktion, Fragestellung, Diskussion, Reaktion - „so weit es geht nach hinten ziehen als Payoff", Call-to-Action mit Thumbnail. Er geht ihn Schritt für Schritt durch. Untertitel unters Kinn, Augen der Gesprächspartner immer auf gleicher Höhe, weil der Zuschauer sich daran orientiert. Für gesprochene Thesen eine KI-Stimme. Handwerk, professionell erklärt.

Dann kommt Punkt zwei:

„wir legen so viele Reaktionen zwischen die Clips, wie es nur geht. Und teilweise sind diese Reaktionen, wie zum Beispiel das hier, das ist gar nicht zu dem Zeitpunkt der Diskussion passiert, sondern irgendwann viel später, aber das haben wir trotzdem mit reingeschnitten."

Und weiter:

„Also so viele Reaktionen auch später innerhalb irgendwann des Videos, wie Leute sich an den Kopf fassen, wie sie ausrasten, wie sie lachen, wie sie dumm gucken, wie sie mit ihrem Partner reden, die so oft wie möglich reinschneiden."

Ein drittes Mal, an anderer Stelle: „Und wieder eine Reaktion, die später stattfand." Ein viertes Mal: „Und diese Reaktion ist auch von ganz anders in dem Video passiert. Nehmen wir trotzdem immer und immer wieder mit."

Das ist die Arbeitsanweisung. Wenn in einem dieser Videos jemand die Augen verdreht, während sein Gegenüber ein Argument bringt, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er das an einer ganz anderen Stelle getan hat. Der Zuschauer sieht eine Reaktion auf einen Satz. Die Reaktion gehörte nie zu diesem Satz.

Und dann ist da noch der Unterschied zwischen „nichts wird herausgeschnitten" und dem, was tatsächlich beim Publikum ankommt. Das Video, das aus dem im Briefing besprochenen Dreh entstanden ist, heißt „Vermieter debattiert gegen linke Aktivisten (es eskaliert)", läuft auf dem Kanal Finanzstarter und ist 57 Minuten und 15 Sekunden lang. Das Rohmaterial dazu soll nach Angabe unserer Quelle rund eine Stunde und 50 Minuten umfassen.

Ein Produkt, kein Gespräch

Das Vermieter-Video erschien Anfang August, gut zwei Wochen nach dem Briefing. Es hat 190.000 Aufrufe. Zwei Wochen später kam auf demselben Kanal „Wohnen ist kein Menschenrecht: Linke vs. Kapitalist", 54 Minuten, 70.000 Aufrufe. Finanzstarter ist ein Kanal mit 707 Videos, fast alles kurze Finanzclips aus den Jahren 2023 und 2024 mit ein paar hundert Aufrufen. Betrieben wird er von der FinanzStarter GmbH aus Grebenstein in Nordhessen.

Das Vorbild, das im Briefing analysiert wird, ist „Millionär debattiert gegen linke Aktivisten (es eskaliert)" von Vilius Dainora. Eine Stunde 20, 891.000 Aufrufe.

Der Klammerzusatz „(es eskaliert)" steht bei beiden im Titel. Er ist kein Kommentar zum Verlauf. Er ist das Produktversprechen.

Und damit lässt sich benennen, was hier eigentlich verkauft wird. Nicht eine Diskussion, die zufällig hitzig wird, sondern ein Format, dessen Ware die Eskalation ist. Wer eingeladen wird, liefert das Material dafür. Bezahlt wird er wie ein Statist mir 50 Euro die Stunde, versichert wird ihm ein Austausch auf Augenhöhe, und was am Ende zu sehen ist, entscheidet ein Team, das ihn nie getroffen hat, nach einem Bauplan, der vor der Einladung feststand.

Was wir nicht wissen

Wir behaupten nicht, dass Christian Wolf die dokumentierten Nachrichten geschrieben hat. Das können wir nicht belegen.

Belegt ist: Er war das Gegenüber, für das angeworben wurde. Die Formate tragen seinen Namen. Er kennt die Anwerbepraxis und hat sie öffentlich beschrieben. Sein Reels-Account dient dem Briefing als Vorlage. Wer das Briefing gegeben hat, in wessen Auftrag und wer die Vertragskonstruktion mit der Wyoming-LLC gewählt hat wissen wir nicht.

Wir wissen auch nicht, ob die FinanzStarter GmbH Auftraggeberin, Partnerin oder nur der Kanal war, auf dem das fertige Video landete.

Wir haben Christian Wolf am 15. August direkt angeschrieben: „Schreib uns doch, wenn du unsere Beiträge bei TikTok verarbeitest :) Wir reden doch mit dir :)" Eine Antwort kam nicht. Parallel reagierte er auf TikTok auf unsere Beiträge, überschrieben mit „Linke Aktivisten ohne Eier".

Wir haben die CCC Media Group, LLC/PLACEmedia unter der im Vertrag genannten Kontaktadresse, das Management von Christian Wolf und die FinanzStarter GmbH am 6. September 2026 mit den hier erhobenen Vorwürfen konfrontiert und um Stellungnahme bis zum 11. September 2026, 18 Uhr, gebeten. Bis Redaktionsschluss ist keine Antwort eingegangen.

Namen von Privatpersonen, die sich bei uns gemeldet haben, sind zu ihrem Schutz nicht genannt.

Dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit mit Re:Protest entstanden.